Am 9. November hat sich eine zehnköpfige Gruppe des STREET COLLEGE (Dozent*innen, Sozialarbeiter*innen und eine Übersetzerin) in Sao Paulo eingefunden, um sich zehn Tage lang mit Partnern vor Ort über alternative Lernmethoden auszutauschen, voneinander zu lernen und entsprechende Projekte zu besuchen.

Die Stadt ist riesig. Der Rhythmus und Klang (oder auch die Lautstärke 😉 ) ein anderer. So hieß es am ersten Tag: Ankommen. Das Stadtzentrum erkunden und Abends im einzigen großen Park der Stadt entspannen.

Der 11. Nov führte uns, mit unseren Partnern Materia Rima, nach Diadema. Materia Rima arbeitet mit Elementen des Hip-Hop in 16 verschiedenen Schulen im Viertel und wir konnten uns drei unterschiedliche Schulen und Präsentationen anschauen und danach: die Basis von Materia Rima – das Haus, dass erst seit kurzem fertig ist und das sowohl dem mittlerweile achtköpfigen Organisationsteam eine Basis bieten, in dem aber auch Workshops stattfinden und das vor allem als Herz, Heimat und Austauschort für alle im Projekt engagierten dient.

Am nächsten Tag trafen wir uns mit unseren Partnern ANCSP in der Zona Leste im Centro Cultural Itaim Paulista und die Kooperationspartner von Cultura Sem Fronteiras haben sich vorgestellt. Es war heiß. Und viel.

Umso mehr genossen wir am Nachmittag den Besuch der größten Grafitti-Freiluftgalerie der Welt. Ein ganzes Viertel, das von Graffiti-Künstler*innen aus der ganzen Welt jedes Jahr neu gestaltet wird. Organisiert von Cultura na Kebrada.

Am 13.11. teilte sich die Gruppe um mit Materia Rima unterschiedliche Workshops in drei Schulen zu besuchen: Graffiti, Rap und Tanz.  Danach ging es in die Basis. Essen. Reflektieren. Um dann unsere Partner mit einer endlosen Liste von Fragen zu Löchern. Mit jeder Antwort wurde das Lächeln auf unseren Gesichtern breiter, als würden die Herzen der Projekte MATERIA RIMA und STREET COLLEGE im gleichen Takt schlagen.

 

Ein besonderes Highlight war der Besuch der Lumiar Escuela:

Die Lumiar-Schule ist ein Schulprojekt in Sao Paolo, initiiert von Ricardo Semler, der bemerkte, dass die Mitarbeiter in seinem auf demokratischer Grundlage funktionierendem Großbetrieb Schwierigkeiten hatten. Diese sollten für sich selbst denken und einschätzen können, ihre besonderen Fähigkeiten in die Firma einbringen wollen und an demokratische, partizipative Entscheidungsprozesse gewöhnt sein. All das hatten sie nie gelernt.

Diese Art zu denken wird vom normalen Schulsystem eher verhindert, daher unterscheidet sich die Lumiar-Schule in grundlegenden Punkten. Die Schüler organisieren ihren Lernfortschritt selbst, sie entscheiden, was sie lernen wollen und von wem, sie bewerten sich selbst und haben Freude am Lernen.

Eine dieser Schulen haben wir im Rahmen unseres Fachaustausches in Sao Paolo besucht.

Bruno Martin und zwei seiner Kolleg*innen empfingen uns in den Räumen der Schule und stellte uns die Grundsätze des Projektes vor.

Die Schüler entscheiden in einer Versammlung, welche Projekte sie verwirklichen und was sie daran lernen wollen. Regelmäßig tauschen sie sich über den Fortschritt und die Schwierigkeiten aus. Dabei stellen sie auch ihre eigenen Regeln auf und lösen Probleme in ihrem sozialen Zusammenleben selbst. Begleitet werden sie von einem Tutor, der jeden einzelnen in seiner Entwicklung zur Seite steht. Bei den Projekten bekommen sie die fachlichen Inhalte von externen Meistern („Mestre“), die je nach Bedarf der Schüler ausgewählt, ausgetauscht und auch ergänzt werden. Die Projekte decken insgesamt grundsätzlich den brasilianischen Lehrplan ab.

Das Projekt kann dabei für manche schon im ersten Lebensjahr beginnen und endet, wenn sie 16 sind. Die ersten sechs Jahre sind sie in Gruppen von 0 bis 2, von 2 bis 4 und von 4 bis 6 eingeteilt. Danach arbeiten und lernen die Schüler in Gruppenverbänden, die aus drei Jahrgängen bestehen. Von 6 bis 9, 9 bis 12 und 12 bis 16. Bevor sie in die nächste Stufe überwechseln nehmen sie schon an einzelnen Projekten der nächsthöheren Stufe teil, um sich einzugewöhnen.

Auch die Tutoren und Meister tauschen sich in regelmäßigen Treffen über jeden einzelnen Schüler, dem Fortschritt, den Schwierigkeiten und den Besonderheiten aus. Dabei werden alle Entwicklungen auch schriftlich festgehalten. Die Umstände werden andauernd weiterentwickelt und angepasst, so dass auf die Wünsche der Schüler eingegangen werden kann.

Damit das System funktioniert, brauchen die Schüler eine Atmosphäre der Sicherheit und des Vertrauens. Die Sicherheit, dass sie als Person akzeptiert sind, und das Vertrauen, dass sie sich gegenseitig wertschätzen, ermöglicht, dass die sich vollständig einbringen können und damit die erfolgreiche Partizipation im Prozess des Lernens.

Nachmittags hatten wir die Möglichkeit in einer F3 Gruppe (12 bis 16) einen der 50 minütigen Unterrichtseinheiten zu besuchen. Die Schüler wurden gefragt, ob sie daran Interesse hätten, sich mit uns zu treffen und sich mit uns auseinander zu setzen. Der Inhalt der Unterrichtsstunde waren somit wir.

Eine besondere Erfahrung war es zu erleben, wie die Schüler*innen in einer Atmosphäre des Vertrauens sich in ihrer Unterschiedlichkeit wertschätzen. Die Schüler*innen respektieren sich und nehmen aufeinander Rücksicht. Im Kreis mit uns stellen sie Fragen und einzelne von ihnen übernehmen temporäre Führungsaufgaben. Sie freuen sich an ihren Besonderheiten und zelebrieren diese, indem sie gemeinsam einzelne Fähigkeiten herausheben und inszenieren. Zum Beispiel um die Lösungskompetenzen eines Schülers am Rubik-Cube (Zauberwürfel) zu zeigen, übernehmen sie selbstorganisiert Aufgaben. Ein Schüler gibt einem von uns den Würfel, um ihn zu verdrehen, eine andere bereitet sich vor, die Zeit zu stoppen, ein dritter erzählt vom momentanen Rekord und später auch vom Unterschied in der Herangehensweise der Lösung. Als der Würfel nach knapp über 40 Sekunden gelöst ist, klatschen alle und freuen sich daran. Ähnliches geschieht mit dem Kurzfilm einer Gruppe von Schülern, der angesehen und gefeiert wird. Für die Vorführung wird von der Gruppe bewusst am Ende der Stunde Zeit eingeplant.

Die Erfahrung war für mehrere von uns sehr bedeutsam, weil das Ideal, das auch in der Grundsätzen des STREET COLLEGE steckt, hier vollständig verwirklicht war. Eine Schule, die es ermöglicht in einer Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens und Wertschätzung mit Freude das zu lernen, für das man Interesse und Neugier hat. Das Projekt bewirkt nicht nur glücklichere Menschen und eine glücklichere Schulzeit, sondern ist auch erfolgreicher. Das zeigen die Ergebnisse und Fähigkeiten der Schüler im Vergleich mit anderen Schulen in Brasilien.

 

 

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