An einem sonnigen Dienstag, einige Wochen vor Release des Samplers “Gangway Beatz 4” holen die am Projekt beteiligten Jugendlichen Flyer und Sticker für die Releaseparty in der Gangway Zentrale in Berlin Mitte ab. Dabei nutzen wir die Gelegenheit zum Gespräch. Auch der Inititiator und Kopf von Gangway Beatz, Olad Aden, beantwortete uns einige Fragen.

Was ist der größte Unterschied des 4.Samplers von Gangway Beatz im Vergleich zu den anderen drei Releases davor?

Klyshee: Der Unterschied zu den anderen Platten ist, dass diesmal komplett alles selber gemacht ist. Das heißt, die Beats wurden von uns produziert, die Texte wurden selber geschrieben, die Komposition – es wurde alles selber gemacht. Selbst das Design der CD wurde mitbestimmt von den Teilnehmern. Vorher hatten wir Leute im Studio sitzen, die die Beatz gebaut hatten und alles professionell abmischen, mixen und mastern. Dieses Mal aber wurde alles wirklich von uns selbst gemacht.

Was war dabei für euch die größte Herausforderung?

Marty Cho: Ich hatte da so einen bestimmten Moment mit Sam, einem der Jugendlichen, mit dem ich zusammengearbeitet habe. Sonst hab ich einfach Beats gebastelt für Kumpels, die die immer ausnahmslos cool fanden. Diesmal war es aber so, dass Sam meinte: kannst du nicht mal was ändern? Ich hab dann im Endeffekt den Beat, den ich ihm geben wollte, komplett anders gemacht. Dieser Austausch mit fremden Künstlern, das war neu für mich und hat auch sehr viel Spaß gemacht, weil man halt die Sachen von den Workshopleitern Boris und Rockel direkt anwenden konnte. Man war auf einmal in der einer ganz anderen Position.

Zoltan: Ich habe auch beim Workshop zum Mixen und Mastern mitgemacht und da war es teilweise ähnlich. Es sind ja nicht immer alle Künstler vor Ort und wenn du an einem Track arbeitest, ist ja dann auch viel eigene Kreativität gefragt. Dann zeigst du das Resultat dem Künstler, der dann aber sagt: ich hätte das lieber so und so. Das war für mich schon schwierig, sich da als quasi Dienstleister den jeweiligen Wünschen des Interpreten anzupassen.

Lipso: Ich fand es schwierig, mich mit Sachen auseinander zu setzen, die ich noch nicht so kannte und dabei viel neues zu lernen.  Aber allgemein war es einfach mega spannend so viele neue Leute zu treffen. Vorher wusste ich nie, worauf ich eigentlich hin arbeite, aber hier hatten wir ein ganz konkretes Ziel und jetzt am Ende auch was in der Hand. Das fühlt sich gut an.

Nelly: Ich fand es schon schwer immer die Zeit zu finden, das alles zu organisieren und am Text zu feilen bis er passt. Das Aufnehmen und die Arbeit im Studio waren ja komplett neu für mich und daher auch nicht immer leicht.

Was war für dich als Sozialarbeiter die größte Hürde?

Olad Aden: GELD….der Ansatz des Selbstmachens bedeutet, dass die Schritte von Dozent*innen begleitet werden müssen (die Hardware wurde vor knapp zwei Jahren von Native Instruments gesponsort).  In diesem Projekt wurden relativ große Gruppen von Jugendlichen über einen Zeitrahmen von zwei Jahren in einem Studio von zwei Dozenten im Bereich der Musik Produktion 3 x wöchentlich begleitet. Das ist nur möglich wenn man die Honorare dafür bezahlen kann…

Knapp zwei Jahre habt ihr an dem Projekt gearbeitet. Was hat euch motiviert, durchzuhalten und nicht hinzuschmeißen, gerade wenn es auch mal schwieriger wurde? Woher kommt die Motivation, wenn man sonst auch mal Dinge schleifen lässt und Mist baut? Warum schafft man es dort am Ball zu bleiben und nicht in der Schule, in der Ausbildung oder im Job?

Marty Cho: Wir mussten uns schon immer wieder motivieren und sagen: mach mal jetzt hinne. Dieses “am Ball bleiben”, dieses “ich muss jetzt was fertig machen” – das kennen viele von uns ja nicht wirklich. Wir haben ja alle einen bestimmten Hintergrund und ich muss mich oft auch selber überwinden und ertappe mich bei dem Gedanken: oh man, kein Bock mehr.  Aber dann weiter zu machen und Spaß dabei zu haben, ist halt geil.

Klyshee: Ich denke mal schon, dass es an der Kunst an sich liegt, nicht aufzugeben. Und natürlich bekommt man durch Gangway und den Sampler ein Podium. Auf einmal sind da Leute, die hören sich an, was man zu sagen hat und natürlich will ich da zeigen, was ich kann. Man bekommt ein Stimme, man kann zeigen, wer man ist, woher man kommt und was hat man erlebt hat. Das ist sonst bei uns im Leben leider eher nicht so, dass es Leute gibt, die einem zuhören.

Viele Projekte, die mit Workshops arbeiten, sind eher kurzfristig angelegt – wie hält man die Jugendlichen so lange bei der Stange?

Olad Aden: Mit echtem Interesse. Die Jugendlichen, die sich in diese Workshops einbringen, kommen meist mit einem hohen Pensum an Interesse. Wenn sie dann anfangen, Fortschritte zu machen und sich künstlerisch zu entwickeln, braucht man sich über Verbindlichkeit kaum noch Sorgen zu machen. Im Gegenteil, manchmal kommen sie zu früh und überpünktlich zu den Workshops.

Die Workshops waren ja an das  STREET COLLEGE angedockt. Was genau ist das STREET COLLEGE und wie läuft das Arbeiten dort eigentlich ab?

Klyshee: Am STREET COLLEGE geht es nicht nur um Rap oder Hip Hop, sondern man kann alles mögliche machen: Produzieren lernen, Rappen lernen, Singen lernen, Gebärdensprache lernen. Oder man kann auch etwas im Kunstbereich machen, basteln oder nähen. Es geht im Grunde um Nachfrage und Angebot, nicht umgekehrt. Das STREET COLLEGE ist ein großes Netzwerk und dadurch kann man immer anfragen, worauf man gerade Bock hat. Wenn du jetzt beispielsweise Kehlkopfgesang lernen möchtest, kannst du dich anmelden und dann wird geschaut, wie man das realisiert. Am STREET COLLEGE kann man eigentlich so gut wie alles durchziehen, worauf man Lust hat.

Abgesehen von den Skills, die man als Rapper oder Produzent so braucht,  welche Sachen habt ihr noch gelernt während eurer Zeit am STREET COLLEGE?

Zoltan: Ganz klar: Teamfähigkeit. Rücksicht nehmen auf andere, mit denen man zusammenwirkt, eigene Interessen auch mal hinten anstellen und im Sinne der Gruppe handeln, indem man sein Ego zurück fährt.

Klyshee:  Bei so einem zusammengewürfelten Haufen trifft man auch immer Leute, mit denen man vielleicht nicht so ganz kann, die man nicht ganz so cool findet, aber man arbeitet und lernt trotzdem zusammen und lernt dadurch eine ganze Menge.

Wo findet ihr hat die Schule bzw. haben die Institutionen des normalen Bildungsweges bei euch versagt? Wo liegt der Systemfehler?

Marty Cho: In der Schule wirst du gefördert, wenn du was leistest. Wenn du gut bist, gute Zensuren hast, dann kommst du weiter. Aber wenn du dort scheiterst, stehst du oft auf verlorenem Posten und denkst, du bist nichts wert. Dann kommt man zu Gangway und zum STREET COLLEGE und die sagen dir, egal was du kannst oder auch nicht kannst, du bringst trotzdem Talente mit und wir können gemeinsam etwas schaffen. Du bist kein hoffnungsloser Fall! Das konnte ich früher schon beobachten. Ich glaube, den ersten Kontakt zu den Streetworkern hatte ich als Zwölfjähriger. Die fragen einen: “Ey, was willst du denn machen? Skaten? Ok, dann komm doch mal da hin und dort hin!” So lernt man auch Leute aus anderen Bezirken kennen, von denen man früher dachte, die ticken ganz anders, als man selbst. Durch den Kontakt und Austausch untereinander peilt man einfach, dass wir uns schon sehr ähneln und baut seine Vorurteile ab, zum Beispiel beim Thema Wessis und Ossis. Man tauscht sich aus über die Kindheit und merkt, dass da gar nicht so große Unterschiede sind. Oder auch was die Flüchtlinge betrifft, die gerade überall Thema sind. Man lernt ein paar kennen, die leben in einer ganz anderen Welt und man kennt das alles eigentlich nur aus dem Fernsehen. Aber sobald man in Kontakt kommt, verliert man dieses Gefühl von ich bin anders und das finde ich ganz bemerkenswert.

Intrinsische Motivation, so sagt man, sei der größte Antrieb, wenn es darum geht etwas zu lernen. Dort setzt das Konzept vom STREET COLLEGE an. Doch wie finden von der Gesellschaft bereits abgeschriebene Jugendliche den Weg zu sich selbst? Worauf kommt es an, wenn man sie bei diesem Prozess begleitet? Wie findet man heraus, was man lernen will, wenn einem sonst in beispielsweise Schule und Ausbildung immer nur alles vorgegeben wird?

Olad Aden: Die Jugendlichen wissen ganz genau, woran sie Interesse haben. Oft verfolgen sie ihre Interessen nur nicht, weil es einfach keine Möglichkeit gibt, sie zu verfolgen. Weil es zum Beispiel zu kostspielig ist. Wir drehen Angebot und Nachfrage auf den Kopf. Erkennen wir einen Bedarf, reagieren wir darauf, indem wir ein dementsprechendes Angebot entwickeln, um fundiertes Wissen zu vermitteln. Es ist nie zu spät zum Lernen.

Was macht eurer Meinung nach einen guten Coach, einen guten Workshopleiter aus? Was sollte der- oder diejenige mitbringen, um euch zu inspirieren?

Marty Cho: Das wichtigste ist Geduld. Ich hab beim Produzenten-Workshop mitgemacht und da gab es natürlich Phasen, wo es ein bisschen schwierig wurde oder auch mal etwas länger gedauert hat. Die Workshopleiter Rockel und Beez hatten einfach eine Riesengeduld mit uns. Ich habe schon einiges an Ausbildungen hinter mir, habe wirklich schon eine Menge gemacht und dabei konnte ich beobachten, dass die Ausbilder meistens frisch und motiviert mit einem starten, aber dann nach einiger Zeit schnell aufgeben, wenn man die Erwartungen nicht erfüllen kann. Das ist natürlich schlecht, gerade in jungen Jahren. Aber wenn du dann plötzlich jemanden hast, der immer an dich glaubt und dich nicht aufgibt – diese Energie überträgt sich auf alle Kursteilnehmer und das ist, denke ich, enorm wichtig.

Außenstehende können mit dem Begriff der Straßensozialarbeit oft eher wenig anfangen – vielleicht könnt ihr mal erklären, warum diese Arbeit so wichtig ist?

KB: Das wichtigste ist, den Kids eine Aufgabe zu geben und sie runter zu holen von der Straße. Sich einfach mal zusammen ein Ziel zu setzen und einen Entwicklungsprozess zu starten.

Jazz Jay: Ich glaube, der ganz große Punkt ist, nicht zu sagen, wir machen irgendwas, sondern wir schaffen irgendwas. Wir schaffen etwas ganz Neues zusammen, völlig egal, ob es ein Track ist, den vielleicht am Ende niemand hören will. Darum geht es gar nicht. Dieses: ich hab selbst etwas geschaffen, ich hab etwas kreiert, ich hab etwas mit meiner eigenen Erfahrung, mit meinem Leben aus mir selbst heraus geschaffen – das ist der springende Punkt und leider etwas, was sonst unter den Tisch fällt, aber was ganz wichtig ist.

Smoka: Die Leute bei Gangway bestärken dich, bei dem was du tun willst, egal ob es jetzt  Musik ist oder Kunst. Auch wenn du Probleme hast mit der Polizei, mit dem Gericht oder so, die Streetworker kennen sich halt aus und helfen dir. Gangway unterstützt dich bei der Lösung deiner Probleme. Die kennen Wege, die du noch nicht kennst, die helfen dir wieder auf die Beine. Ich glaub, ohne Gangway wäre ich heute im Knast. Es wäre auf jeden Fall alles anders gelaufen.

Was ist deine persönliche Motivation als Streetworker für die Arbeit in Projekten wie Gangway Beatz?

Olad Aden: Ich liebe meine Arbeit, denn sie gibt mir die Möglichkeit zu sehen, was junge Menschen alles drauf haben. Und das ist eine Menge. Da steckt so viel drin. Dem Ganzen muss meist nur eine Art von Rahmen gegeben werden. Die Ergebnisse und Erfolge sind immens und obwohl ich für meine Arbeit bezahlt werde, so sind es doch auch diese Erfahrungen und Beobachtungen, die immer wieder motivieren. Wer kann schon jeden Morgen sagen, „ich weiß, warum ich aufstehe“?

Wie sehen eure Ziele aus für die Zukunft?

Klyshee: In Bezug auf Gangway hab ich die Hoffnung, dass ich immer mehr eingeplant werde und dass ich in Zukunft auch mehr Verantwortung übernehmen kann. Ich hoffe, dass auch weiterhin ein Austausch untereinander stattfindet, also dass ich die Aufnahmemöglichkeiten nutzen kann und sie mir ein offenes Ohr schenken, wenn es mal nötig ist, mir Tipps geben und Hilfe anbieten bei Mietproblemen oder anderen Sachen. Im Gegenzug hoffe ich, etwas zurück geben zu können, zum Beispiel durch meine Kontakte in der Medienbranche. Ich hoffe, wir können gemeinsam wachsen und größer werden.

Smoka: Musik war schon immer mein Ding und und hat mir enorm geholfen, in meinem Leben klarzukommen. Ich habe schon viel durchgemacht und Musik hat mich im Prinzip gerettet. Musik ist meine Therapie. Momentan probiere ich mich selbstständig zu machen, habe jetzt ein eigenes Tonstudio zu Hause.

Nelly: Ich werde auch auf jeden Fall weitermachen mit der Musik.

 

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