Last Updated on 6. Januar 2020 by Anja Baer

Eine Reaktion auf zwei Presseartikel in der Berliner Zeitung und dem Berliner Kurier.

Berlin ist eine multikulturelle Stadt. Gemeint ist damit eine Vielfalt innerhalb einer offenen Gesellschaft, der die Idee des gleichberechtigten Zusammenlebens Aller zu Grunde liegt. Der Streetworkverein Gangway e.V. arbeitet seit 27 Jahren mit benachteiligten, ausgegrenzten, stigmatisierten und schwer erreichbaren Menschen, die in unserer Gesellschaft wenig Wertschätzung erfahren. Ein Anliegen der Streetworker ist es, der strukturellen und alltäglichen gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, der Ausgrenzung und der Diskriminierung entgegenzuwirken.

Das schafft der Verein einerseits durch kontinuierliche, akzeptierende Beziehungsarbeit vor Ort und andererseits durch eine gute Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Die Streetworker sehen es als ihre Aufgabe, auf Diskriminierung aufmerksam zu machen, indem sie eine klare Haltung einnehmen und diese der Öffentlichkeit zugänglich machen. Durch ein breites Netzwerk an Partnern in der Sozialen Arbeit, Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft können Informationen breit gestreut werden und bekommen eine hohe Aufmerksamkeit.

Sehr ärgerlich und nicht akzeptabel sind Presseberichte in renommierten Tageszeitungen, die durch mangelhafte Recherchen, plakative Schilderungen und eine schwer nachzuvollziehende Logik bestehende Vorurteile reproduzieren und Rassismus in der Mitte der Gesellschaft verstärken. Denn wer fühlt sich durch solche Texte bestätigt? Genau: Der besorgte Bürger, der darauf besteht, dass man das ja wohl mal sagen darf. Erst recht, wenn es sogar in der Zeitung steht.

Nein, man darf das nicht mal sagen. Nicht, wenn von Einzelnen auf ganze Gruppen geschlossen wird. Und vor allem nicht, wenn falsche Tatsachen publiziert, wenn Lügen verbreitet, wenn Tatsachen verdreht und in einen falschen Zusammenhang gestellt werden.

 

Am 11. Juli sind in der Berliner Zeitung und im Berliner Kurier Artikel des gleichen Redakteurs erschienen, die sich typischer antiziganistischer, also romafeindlicher Bilder und Stereotype bedienen – ohne Rücksicht auf die individuelle Lebenssituation der betroffenen Menschen, ohne diese zu Wort kommen zu lassen und ohne Beweise für die im Artikel gemachten Vorwürfe zu liefern.

Laut Pressekodex sind Wahrheit und Wahrung der Menschenwürde oberstes Gebot jedes Journalisten (Ziffer 1). Bei der Recherche müssen sorgfältig der Wahrheitsgehalt geprüft und nur wahrheitsgetreue Informationen wiedergegeben werden (Ziffer 2). Dabei dürfen keine unlauteren Methoden angewandt (Ziffer 4) und das Privatleben von Menschen muss geachtet werden (Ziffer 8). Journalisten sollen auf unangemessen sensationelle Darstellungen (Ziffer 11) und auf jegliche Diskriminierung (Ziffer 12) verzichten und es gilt die Unschuldsvermutung (Ziffer 13).

 

Die benannten Artikel verstoßen aus Sicht von Gangway e.V. mehrfach gegen den Pressekodex. Sie fallen auch nicht mehr unter die Meinungsfreiheit, weil die Gruppe der Sinti und Roma eindeutig diffamiert wird, indem Vorurteile und Stereotype bedient und verstärkt werden.

  • Schon die Überschrift „Eine Adresse, 1000 Straftaten – Das Haus, in dem die Polizei ein und aus geht“ suggeriert ein hohes Kriminalitätsaufkommen in einer Wohneinheit, die mit Adresse benannt und mit Bildern gezeigt wird. Das sind größtenteils Mutmaßungen, die maßlos übertrieben sind und von der Polizei so nicht bestätigt werden. Und was ist mit dem Schutz der Persönlichkeit? Wo ist das berechtige öffentliche Interesse, darüber zu schreiben?
  • Die Artikel berichten von regelmäßiger Polizeipräsenz aufgrund von Diebstählen, Streitigkeiten, Massenschlägereien, von mutmaßlichen Autoschiebereien und von dem Beschuss eines Neunjährigen mit einem Luftgewehr. Die Beschreibung „von hier aus [wurde]auch schon ein Neunjähriger mit einem Luftgewehr beschossen“ suggeriert, dass bewaffnete und aggressive Menschen in dem Wohnblock leben, die selbst vor Kindern keinen Halt machen.
    In Wahrheit wurde das neunjährige Roma-Kind vor zwei Jahren (!) von Nicht-Roma-Tätern angeschossen, weil es „zu laut“ auf der Straße spielte. Die Täter wohnen schon lange nicht mehr dort und tatsächlich waren dieser romafeindliche Vorfall und die Unruhe im Haus der Grund für die Streetworker von Gangway, an diesem Wohnblock verstärkt zu arbeiten.
  • Illustriert werden die Artikel mit Fotos, die den Hinterhof des unsanierten Blocks, einen vermüllten Wohnungseingang, einen jungen Menschen beim Autoputz und eine Männergruppe bei einem mutmaßlichen Fahrzeugkauf zeigen. Auf keinem der Bilder ist ersichtlich, inwiefern eine illegale Handlung vorliegt. Sie dienen vielmehr der Illustration klassischer antiziganistischer Stereotype: Roma wären kriminell, unsauber und arm.
  • Die Bewohner*innen des Hauses werden als mehrheitlich osteuropäische Männer und Familien beschrieben, die angeblich häufig den Wohnort wechseln, um der Strafverfolgung zu entgehen. Das sind Vermutungen und Unterstellungen. Mit Sätzen wie „Es herrscht ein Kommen und Gehen“ werden zudem Vorurteile bedient: Roma ziehen umher, haben keinen festen Wohnsitz. In Wahrheit haben die Familien dort einen festen Wohnsitz und einen Mietvertrag.
  • Auch Bezeichnungen, wie: „auf der Straße […] geht es zu wie auf einem Basar“ oder „dass hier etwas krumm ist, ist offensichtlich“, sind rassistisch und unseriös.
  • Der Artikel beschreibt ausführlich die Vorgehensweise von kriminellen Autoschiebern und endet mit der Erkenntnis „Ob diese Verfahrensweisen in Friedrichshain angewendet werden, ist unklar.“ Hier zeigt sich, dass es nicht um eine auf Fakten basierende Beschreibung von Kriminalität geht. Hier wird eine Minderheit diskriminiert und Misstrauen gesät. Was ist mit dem Grundsatz der Unschuldsvermutung?
  • Fragwürdig sind auch die herangezogenen Quellen. Obwohl die Präsenz eines engen Netzes an Unterstützungsgeboten benannt wird, kommen nur eine „besorgte“ Anwohnerin und ein „hochrangiger“ Beamter zu Wort. Wieso sind keine Sozialarbeiter*innen zu ihrer Einschätzung gefragt worden?

 

Die Streetworker von Gangway e.V. arbeiten in Friedrichshain aufsuchend und sozialarbeiterisch mit Jugendlichen unabhängig von Herkunft, Geschlecht und Weltanschauung.  Seit zwei Jahren ist ein dreiköpfiges Team regelmäßig in dem Wohnblock und konnte durch ihre Arbeit mit den Jugendlichen und deren Familien ein enges Vertrauensverhältnis aufbauen. Die Streetworker sind Teil eines Netzwerkes, das sich intensiv und professionsübergreifend mit den Familien und deren individuellen Lebenssituationen auseinandersetzt und Unterstützungsangebote unterbreitet.

Artikel wie diese behindern Integration und Soziale Arbeit mit benachteiligten, ausgegrenzten, stigmatisierten und schwer erreichbaren Menschen, weil Stigmata und Vorurteile durch (scheinbar) seriöse und damit vertrauenswürdige Medienberichte verstärkt werden. Die Massenmedien spielen eine wichtige Rolle in der Reproduktion von Vorurteilen und Rassismen. Wir sollten uns alle gemeinsam dieser Verantwortung bewusst sein.

 

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