Elvira Berndt

Vortrag, gehalten am 14.11.03 im Berliner Abgeordnetenhaus
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,
mein Name ist Elvira Berndt und ich bin Geschäftsführerin des Berliner Vereins für Straßensozialarbeit GANGWAY e.V. Vielleicht stehe ich deshalb heute hier – weil manche glauben, ich könnte aus dieser Sicht die Perspektive Berlin- Bronx am besten beleuchten. Das Bild der Bronx steht für amerikanische
Verhältnisse, die viele in einer Weise straucheln lassen, die uns als unvorstellbares Horrorszenario erscheint. Ein soziales Netz nur für diejenigen, die sich nachgewiesener Maßen gar nicht mehr selbst helfen können und für alle anderen: eine kurzfristige oder gar keine staatliche Unterstützung und danach die Aufforderung, in anarchischer Weise irgendwie den eigenen Weg zu finden. Eben die totale Deregulierung…
Und an diesem Punkt kann ich Sie beruhigen: Wir werden in Berlin nie eine Bronx. Nein, wir schaffen es in deutscher Gründlichkeit vielmehr, auch den Abbau von sozialen Sicherungssystemen so zu verregeln, dass uns nicht die
Anarchie, sondern die Bewegungslosigkeit droht. Die Geschäftsführer unter Ihnen werden das Phänomen kennen, wie sich umgekehrt proportional zur finanziellen Entwicklung die Entwicklung der zu bearbeitenden Aktenberge vollzieht – sozusagen für jeden Euro weniger drei sinnlose Formulare mehr. Und die Jugendlichen kennen das Phänomen, wenn sie das Jugend-, Sozial- oder Arbeitsamt um Hilfe ersuchen:

Erste Antwort: Es ist kein Geld da ( wo sie doch gar nicht nach Geld gefragt haben: sie wollten doch nur Unterstützung, um ihren
Weg zu finden.)

Zweite Antwort: Wir können dir zwar keinen Arbeitsplatz
anbieten, aber folgende Verhaltensregeln hast du zu beachten. Ansonsten droht Leistungskürzung. Und dann schicken wir dich noch zum Profilingkurs. Oder zum Bewerbungstraining. Notfalls zum dritten Mal, und wenn du dich weigerst, weil du es nicht mehr ertragen kannst, droht: Leistungskürzung.

Manchmal erwische ich mich bei dem Gedanken, dass mir ein bisschen mehr Bronx fast lieber wäre als diese perverse Logik, in der der Mangel als Totschlagargument für ein Mehr an Repression benutzt wird und wo aus jedem, der den Mangel zu verwalten und zu vergeben hat, ein kleiner Monarch werden
kann. Doch zugegeben, es gibt Gebiete in dieser wunderschönen Stadt Berlin, da leben so viele Menschen zusammen, die raus sind aus dem, was wir Solidargemeinschaft nennen, dass sie begonnen haben, ihre eigene Anarchie zu entwickeln.
Das sind die Gegenden, die der Bronx vielleicht irgendwie,
irgendwann nahe kommen. Es gibt die Schallmauer, hinter der
Menschengruppen ihre eigenen Überlebensstrategien, ihre eigenen Gesetze des Zusammenlebens entwickeln. Weil sie mit der Erfahrung leben, dass es nicht ihr individuelles Schicksal ist, das sie straucheln lässt, sondern dass sie zu einer großen Gruppe von Chancenlosen gehören. Meine These ist, dass diese
Schallmauer bei ca. 20% liegt – will sagen: wenn mindestens 20% einer Gruppe von Menschen aus dem eigentlich für alle geltenden System ausgegrenzt sind, fangen sie an, die für alle geltenden Regeln des Zusammenlebens nicht mehr auf sich zu beziehen, sondern eigene Regeln zu entwickeln, die ihnen das Überleben ermöglichen. Wir haben diese 20% an vielen Stellen in dieser Stadt überschritten – insbesondere auch bei der Jugendarbeitslosigkeit. Den Zahlen zum Trotz versuchen die meisten Jugendlichen immer noch, von wenigen skandalisierten Einzelfällen abgesehen, ihren individuellen Weg innerhalb
unserer gesellschaftlich akzeptierten Regeln zu finden. Aber der um sich greifende Fatalismus, der in dem Satz gipfelt „Es hat ja doch alles keinen Sinn“ lässt die Frage entstehen, ob die momentane Ruhe bei den Jugendlichen nicht die trügerische Ruhe vor dem Sturm ist. Ich kann Ihnen diese Frage nicht
beantworten, aber ich befürchte es. Natürlich könnte ich Ihnen an dieser Stelle erzählen, was Jugendliche der unterschiedlichsten sozialen und Bildungs-Schichten formulieren, wenn man sie nach ihren benötigten Startchancen für ein selbstbestimmtes Leben fragt. Nein, sie nennen nicht die erzieherischen Hilfen und nicht die nette Bearbeiterin beim
Arbeitsamt und meist noch nicht einmal die Schule. Sie benennen vielmehr die Möglichkeit, ein Wunschziel erreichen zu können, ihnen die Zeit zu geben, dieses Wunschziel überhaupt erst entwickeln zu können, bestimmte Berufe auch ohne den formal dafür nötigen Schulabschluss erlernen zu können, sie benennen
den Wunsch, Alternativen zu haben und ausprobieren zu dürfen und sie benennen das Vorhandensein von Orten, an denen sie mit Freunden ihre Freizeit verbringen und ihren Interessen unreglementiert nachgehen können. Ein Wunsch taucht immer wieder auf, den wir Erwachsenen sofort erfüllen könnten, wenn wir wollten, weil er so gar kein Geld kostet, nämlich der Wunsch, als Jugendliche ernst genommen zu werden, und ihnen nicht, wie so viele Erwachsene, mit Arroganz und Ignoranz zu begegnen. Verbunden mit dem Wunsch, dass es Erwachsene gibt (im besten Fall die eigenen Eltern), die bei allem Schlingern und Straucheln fest an sie glauben. Wie gesagt, das alles könnte ich Ihnen jetzt erzählen, aber ich habe es schon ganz oft erzählt. Und ich habe schon ganz oft warnend meinen alten Großvater zitiert, der da immer sagte: „Wenn man jemanden lange genug ein Schwein nennt, muss man sich nicht wundern, wenn er eines Tages anfängt zu grunzen.“ Und ich ernte immer sehr viel verständnisvolles Nicken, wenn ich diese Dinge erzähle – und danach gehen die Politiker und die Verwaltungsleute an ihre Alltagsarbeit und tun etwas ganz anderes. Gleiches befürchte ich auch hier und heute: Wir waren aufgebrochen in der
Berliner Jugendpolitik, die Jugendhilfe zu reformieren, um weg zu kommen von teurer individueller Betreuung und Alimentierung. Wir wollten hin zu intelligenten Verknüpfungen von niedrig- und hochschwelligen Hilfeformen, zu
einer besseren Kombination von Eigeninitiative und Selbsthilfe. Wir wollten professionelle Hilfe leisten bei der Aktivierung familiärer und informeller Netzwerke. Wir wollten Ressourcen im Sozialraum finden und für den Einzelnen und seinen Hilfe- und Unterstützungsbedarf nutzbar machen. Wir wollten Bürokratie abbauen und Selbstorganisationspotentiale stärken. Das alles
erfordert von denen, die in dieser Stadt Verantwortung tragen für die Politik und für die Verwaltung der zusammengeschrumpften Ressourcen zuallererst politischen Gestaltungswillen. Es erfordert einen politischen Willen, der
Visionen und Zukunftsperspektiven entwickelt und den Menschen in dieser Stadt vermittelt und es erfordert ein Rückgrat, diesen Willen auch in schlechten Zeiten zu verfolgen. Und wenn sich die Politik jetzt umdreht und mit dem Verfassungsgerichtsurteil im Rücken das tut, was jede Krämerseele kann, nämlich die sogenannten verfassungsgemäßen Pflichtaufgaben zu erfüllen und nicht einen Schritt darüber hinaus und kein einziges Stück nach vorn zu sehen, dann gibt es im Ergebnis ein Mehr an staatlicher Alimentierung und Abhängigkeit für wenige und ein Weniger an Startchancen für ein selbstbestimmtes Leben vieler. Und dann sind wir wieder bei oben zitierter Schallmauer, von der wir nicht genau wissen, wann sie durchbrochen ist.
Dann sind wir der Bronx vielleicht tatsächlich ein Stück näher.
Aber, nach dieser Politikerschelte, noch ein Wort an die Kolleginnen und Kollegen aus der Jugendhilfe: Ein Gedicht von Heinz Kahlau, in ganz anderen Zeiten geschrieben, sagt:

Die Verhältnisse
In denen du nicht Neues über dich erfährst
Die Verhältnisse, die dich kleiner machen,
als deine Freunde dich kennen
Die Verhältnisse,
in denen du den Kopf einziehen und die Knie beugen musst,
Diese Verhältnisse musst du verändern Oder verlassen

Wenn wir auch in nicht gerade rosigen Zeiten unsere Arbeit ernst nehmen und dabei so was wie ein pädagogisches oder jugendpolitisches Credo haben, dann sind wir die letzten, die den Kopf in den Sand stecken dürfen. Dann müssen wir Verhältnisse verändern oder sie verlassen – wenn wir aber hinnehmen, was wir als den falschen Weg erkennen, büßen wir unsere Glaubwürdigkeit ein. Was mich am meisten aufregt, mehr noch als der Unsinn, den unsere gewählten Volksvertreter manchmal produzieren, ist, wenn ausgerechnet Vertreter der Jugendhilfe den Jugendlichen ein Vorbild an Lamorianz, Duckmäusertum und
Radikalopportunismus sind. Wer so weit ist, hat seinen Job verfehlt. Was die Jugendlichen von uns erwarten ist, dass wir unter noch so schwierigen Bedingungen mit ihnen Wege aus den Sackgassen suchen, die noch so kleine Zukunftsperspektive mit ihnen finden und dabei mit einem unverbesserlichen Optimismus auch ausgetretene Pfade verlassen und mit ihnen gemeinsam
Neuland erkunden.

Und um beim Optimismus zu bleiben: Wissen Sie, was Toni Curtis, Calvin Klein, Stanley Kubrick, Jennifer Lopez und Edgar Allan Poe mit dem amerikanischen Außenminister Colin Powell gemeinsam haben?
Sie alle haben ihre Chancen genutzt. Sie alle stammen aus der Bronx. Sie könnten auch aus Neukölln kommen.
Nichts ist unmöglich.

2003 | Rede von Elvira Berndt anlässlich  der  Veranstaltung  „Perspektive  Berlin-Bronx? – Startchancen der Berliner Jugend und Herausforderungen für die Jugendhilfe“
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