Gestörtes Essverhalten bei Mädchen und jungen Frauen, aber auch immer öfter bei Jungen und jungen Männern, ist zu einem mittlerweile weit verbreiteten Phänomen unserer Gesellschaft geworden. Nahrungsmittel gibt es im Überfluss, gleichzeitig aber diktieren die Medien einen Schlankheitswahn, der das Schlanksein zum Symbol für
Leistungsfähigkeit, Attraktivität, Erfolg und Glück macht. Gerade Mädchen und junge Frauen wachsen in diesem Spannungsverhältnis heran. Die Beantwortung der Fragen »Was ist zu dick?«, »Was ist zu dünn?« oder »Was ist Normalgewicht?« ist heute sowohl für Heranwachsende als auch für Erwachsene aus der Fülle der Informationen kaum noch herauszufiltern.

Grundsätzlich gilt:
Jeder Mensch hat sein ganz persönliches Normalgewicht. Deshalb geben Messungen lediglich einen Hinweis darauf, was der Durchschnitt ist. Die heute meist verwendete Methode ist der Body-Maß- Index (BMI). Er errechnet sich für Erwachsene aus Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat (kg : m²). Das Besondere am BMI ist, dass das Ergebnis nicht eine feste kg – Zahl, sondern ein Index ist, der einen Spielraum beim Gewicht je nach körperlicher Veranlagung (Körperbau, Stoffwechsel, genetische Veranlagung) zulässt. Für die Berechnung wird des BMI von Kindern und Jugendlichen werden Angaben über das Gewicht in Kg, die Größe in cm, das Geschlecht und das Alter benötigt. Nach einem bestimmten Berechnungsfaktor, der sich aus sogenannten Referenzwerten ergibt (die auf einer stichprobenhaltigen Beurteilung von rund 34.000 deutschen Kindern beruhen) kann festgestellt werden, wie der BMI des Kindes oder des Jugendlichen ist. Inzwischen gibt es unter dem Stichwort “BMI Rechner für Kinder und Jugendliche” im Internet die Möglichkeit sich schnell und unkompliziert den jeweiligen BMI errechnen zu lassen.

Mögliche Ursachen von Essstörungen

Auch bei Essstörungen gibt es kein einfaches Erklärungsmuster. Viele Faktoren müssen zusammenkommen: Schönheits- bzw. Schlankheitsideal, familiäre Bedingungen, erhöhte Leistungsanforderungen und damit einhergehende Stressbelastung, mögliche Lebenskrisen oder auch sexueller Missbrauch. Essen kann zum Ersatz für verdrängte Gefühle und Bedürfnisse werden oder eine Reaktion auf unbefriedigende Lebensverhältnisse, Flucht, Ablehnung, Hilflosigkeit, Verweigerung, stummer Protest, aber auch Resignation und Anpassung sein. Essstörungen sind immer noch vor allem ein typisch weibliches Problem, auch wenn die Zahl betroffener Jungen und jungen Männer in den letzten Jahren angewachsen ist. Unter dem Begriff Essstörungen werden im wesentlichen drei Krankheitsbilder zusammengefasst:

Magersucht (Anorexie)
Ess-Brechsucht (Bulimie)
Esssucht/Fettsucht (Adipositas)

Sie werden heute als Gruppe den psychosomatischen* Erkrankungen zugeordnet und gehören damit nicht in die Gruppe der Abhängigkeitserkrankungen. Bei psychosomatischen Erkrankungen kommt es zu tatsächlichen körperlichen Schädigungen. Die Ursache dafür kann in psychischen Problemen liegen. Das bedeutet nicht, dass körperliche Leiden nur eingebildet sind. Es kommt vielmehr zu tatsächlichen körperlichen Veränderungen wie bei infektiösen oder verletzungsbedingten Erkrankungen. Einige Verhaltensweisen Essgestörter können jedoch Abhängigkeitscharakter annehmen. Kontrollverlust, Wiederholungszwang und soziale Isolation verbinden die Krankheitsbilder.

Essstörungen sind keine Ernährungsstörungen und beruhen somit nicht auf falscher Ernährung. Essstörungen beginnen im Kopf, z. B. mit ständiger Unzufriedenheit mit dem eigenen Gewicht oder der eigenen Figur. Sie führen oft zu Diätversuchen, eingeschränktem Essverhalten (Auswahl bestimmter Nahrungsmittel), so dass Essen nicht mehr als Genuss empfunden werden kann. Die Gedanken drehen sich nur noch um Essen und Körpergewicht und die Kontrolle darüber. Wird dadurch die Lebensqualität beeinflusst, kann es sich zumindest schon um eine latente, d. h. versteckte, verborgene, Essstörung handeln.

Symptome einer Essstörung können sein:
• große Gewichtsschwankungen innerhalb kürzester Zeit
• ständige Auseinandersetzung mit dem Körpergewicht und Angst vor Gewichtszunahme (ständiges Wiegen)
• fehlendes Vertrauen in die eigenen Bedürfnisse und Körpersignale, dadurch keine spontane Reaktion auf Hungergefühle oder Appetit
• ständiger Wechsel zwischen Zuviel-Essen und Diät-Halten
• Kalorienzählen
• Einsatz von Appetitzüglern und/oder Abführmitteln

Latente Essstörungen begünstigen den Einstieg in eine der drei Krankheitsbilder.

Magersucht (Anorexie)

Magersucht beginnt meist in der Pubertät. Betroffen sind überwiegend Mädchen und Frauen in den westlichen Industrieländern. Magersüchtige sind auffallend dünn. Oft beginnt diese Entwicklung mit einer Diät: „Nur zwei Kilo weniger, dann bin ich zufrieden.“ Lob und Bewunderung von Familie und Freunden ermuntern oft zum Weitermachen, manchmal bis der Kopf die totale Kontrolle übernommen hat und statt des Körpers das Essverhalten steuert. Aber: Auffallend schlanke Menschen sind nicht automatisch magersüchtig!

Symptome für Magersucht sind:

• Gewichtsverlust von 20% vom Ausgangsgewicht innerhalb kurzer Zeit (ca. 3-4 Monate)
• Gewichtsverlust ist selbst herbeigeführt, z. B. durch streng kontrollierte und eingeschränkte Nahrungsaufnahme, Vermeidung kalorienreicher Speisen, übertriebene körperliche Aktivität
• Gedanken kreisen ständig um das Essen und die Figur
• der Hang zum Perfektionismus
• Körperwahrnehmungsverzerrung, d. h., die Betroffenen halten sich auch in magerem Zustand für zu dick
• extreme Angst vor Gewichtszunahme
• fehlende Krankheitseinsicht

Magersüchtige können eine gewisse Zeit ihren Zustand vor Freunden und auch engsten Familienmitgliedern verbergen, z. B. durch zwiebelartige Bekleidung oder dadurch, dass sie für die Familie kochen.

Folgekrankheiten für Magersucht sind:

• hormonelle Veränderungen, z. B. Ausbleiben der Menstruationsblutung
• trockene Haut und brüchige Haare
• Absinken des Stoffwechsels, des Pulses und des Blutdrucks sowie der Körpertemperatur, so dass Magersüchtige ständig frieren, müde sind oder unter Verstopfung leiden
• Elektrolytstörungen
• Nierenfunktionsstörungen

Auch seelische Folgen hat das Hungern: Starkes Kontrollbedürfnis, Angst vor eigenen Bedürfnissen, Selbsthass, zwanghaftes Verhalten, sozialer Rückzug oder depressive Verstimmungen. Aufgrund der massiven Folgeschäden und der fehlenden Selbsteinschätzung der Betroffenen bezüglich ihrer körperlichen Befindlichkeit sind eine medizinische und therapeutische Betreuung in jedem Fall erforderlich.

Ess-Brechsucht (Bulimie)

Vom äußeren Erscheinungsbild her sind bulimische Frauen und Männer unauffällig, meist schlank. Auch ihr Essverhalten in der Öffentlichkeit ist eher kontrolliert. Nach außen hin funktioniert alles perfekt. Bulimie ist eine schambesetzte und heimliche Essstörung.

Symptome für Bulimie sind:
• wiederkehrende Heißhungeranfälle (große Mengen von leicht verzehrbaren und kalorienreichen Nahrungsmitteln) mit anschließendem Erbrechen oder Einnahme von Abführmitteln
• Kontrollverlust beim Essen
• Furcht vor Gewichtszunahme
• Vermeidung von Gewichtszunahme mittels Diäten, Appetitzüglern, Entwässerungsmitteln
• andauernde übertriebene Beschäftigung mit Figur und Gewicht

Magersucht und Bulimie haben oft fließende Grenzen. In der Vorgeschichte der Betroffenen finden sich häufig magersüchtige Phasen und auch während der Bulimie kann es die immer wieder geben.

Folgekrankheiten für Bulimie sind:
• Entzündung der Speiseröhre und der Magenschleimhaut
• Speicheldrüsenschwellung
• chronische Verstopfung
• gestörter Elektrolythaushalt*
• Karies
• Ausbleiben der Regelblutung

Hinzu kommen später oft finanzielle Schwierigkeiten durch den häufigen Kauf großer Nahrungsmittelmengen (eine Heißhungerattacke kostet bis zu 40 Euro) und Ausgaben für Abführmittel. Zu den seelischen Folgen gehören depressive Stimmungen, Selbstverletzungen, Selbstmordgedanken. Soziale Folgeprobleme können sein: Partnerprobleme, Angst vor Nähe, Vermeidung von sozialen Kontakten.

Esssucht (Adipositas)

Die Esssucht ist nach neuesten Forschungen zu einem großen Teil auf genetische und körperliche Faktoren zurückzuführen. Die seelischen Ursachen – vor allem beim Binge Eating (engl. schlingen) – spielen dennoch eine entscheidende Rolle: Essen als Spannungsabfuhr, als Trost, als Versuch, Frustrationen und innere Leere zu überwinden und schließlich als Form der Abgrenzung und Schutz vor Sexualität (Aufbau eines »Schutzwalls«).

Symptome für Esssucht bzw. Binge Eating:

• wiederholte Heißhungerattacken (Binge Eating) oder ständiges Essen
• keine Gegenmaßnahmen nach einem Essanfall (wie extremer Sport, Erbrechen oder Hungern)
• misslungene Gewichtskontrolle
• erfolglose Diätversuche
• Verlust des Hunger- und Sättigungsgefühls
• geringe körperliche Bewegung und Aktivität
• allein essen aus Scham
• Ekel, depressive Verstimmungen und Schuldgefühle nach dem Essen

Folgekrankheiten für Esssucht bzw. Binge Eating:

• Herz-Kreislauferkrankungen wie Bluthochdruck, Schlaganfall, Herzinfarkt
• Gelenkleiden
• Diabetes

Seelische Folgen sind oft Resignation, Antriebslosigkeit, Depressionen,
Hass auf den eigenen Körper u. a.

Wenig gefährdet, eine Essstörung zu entwickeln, sind diejenigen, die:
• dann essen, wenn sie hungrig sind
• aufhören, wenn sie satt sind
• nicht ständig ans Essen denken
• sich in ihrer Haut wohl fühlen
• genießen können
• und sich ausreichend bewegen

Zum Thema Essstörungen ist es erfahrungsgemäß besser, geschlechtsspezifisch, d. h. ausschließlich mit Mädchen oder mit Jungen zu arbeiten.

Folgende Aussagen sollten in der Gruppendiskussion vermittelt werden:
• Diäten führen selten zu einer dauerhaften Gewichtsreduktion (Jojo-Effekt = nach relativ kurzer Zeit ist das Ausgangsgewicht, und oft mehr, wieder erreicht)
• Abführmittel sind schädlich
• Appetitzügler sind nur für stark übergewichtige Menschen und für die Benutzung über einen kurzen Zeitraum gedacht

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