Last Updated on 23. August 2016 by Anja Pyranja

Artikel im Berliner Abendblatt, 2000
Das “JobTeam” des Vereins “Gangway” geht in der Jugendsozialarbeit unkonventionelle Wege

Pankow/Weißensee/Prenzlauer Berg Gelangweilt fläzt sich Dieter auf dem Sofa in der Ecke des Jugendfreizeitheimes. Selbst zum Billard spielen hat er heute “keenen Bock`; wie er auch sonstwenig Lust zuhaben scheint, sich für irgend etwas zu engagieren. Dieter ist 18 Jahre alt. Die Schule hat er vor zwei Jahren geschmissen, nach einer Lehrstelle noch nicht einmal gesucht. Noch zahlen die Eltern ja für ihn. – Ein geradezu klassischer Fall für das “Gangway-JobTeam” .

“Gangway” leistet seit Jahren Straßensozialarbeit in Berlin. Im September vergangenen Jahres hat der Verein in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt Nord in der Storkower Straße das Modellprojekt “JobTeam” aus der Taufe gehoben. Das Ziel: Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 24 Jahren zu erreichen, die keiner geregelten (oder gar keiner) Arbeit nachgehen, aber weder arbeitslos noch ausbildungssuchend gemeldet sind. Und zwar speziell solche Jugendlichen, die keinen Schulabschluss haben oder in persönlichen Krisen stecken, sei es, weil sie mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind oder Suchtprobleme haben.

Keine leichte Aufgabe für Michaela Blaase-Goretzlry (40), Astrid Kleber (27) und Benno Engel (30) vom JobTeam. “Auf konventionellem Weg kommen wir an diese jungen Leute häufig gar nicht heran”, erzählt Astrid. Deswegen beschreitet das JobTeam-Trio unkonventionelle Wege: Michaela, Astrid und Benno treffen sich mit den Jugendgruppen auf der Straße, die von Gangway betreut werden. Sie kooperieren mit freien Trägern in Pankow, Weißensee und Prenzlauer Berg, mit den sozialpädagogischen Diensten der Jugendämter, mit der Jugendgerichtshilfe. Und regelmäßig statten sie Jugendfieizeiteinrichtungen in den Bezirken Pankow, Weißensee und Prenzlauer Berg Besuche ab.

Inlockeren Gesprächen erzählen die beiden Sozialpädagoginnen und der Erzieher den jungen Leuten, welche Wege ihnen-trotz ihrer oftmals schlechten schulischen Voraussetzungen – offen stehen, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, in einen Berufsvorbereitungslehrgang hereinzurutschen oder eine ABM-Stelle zu ergattern. Die oft schon seit Jahren ohne Job herumhängenden , Jugendlichen bewegen zu können, einmal zur Berufsberatung des Arbeitsamtes zu gehen, ist aber oft erst der zweite Schritt des Jobteams. “Viele haben überhaupt keine Ahnung, was sie eigentlich interessiert, und deswegen fehlt ihnen auch jegliche Idee, was sie beruflich machen könnten”, berichtet Astrid. Diese jungen Leute deswegen als “Null-Bock-Typen” abzustempeln, sei aber absolut falsch, ergänzt Michaela. “Die wirken oft nur so lustlos, weil sie verzweifelt sind wegen ihrer fehlenden Perspektive”, so die 40jährige Sozialpädagogin, die seit Jahren in der Jugendarbeit tätig ist. “Dann fragen wir zum Beispiel nach Hobbies, versuchen Stärken und Schwächen zu erkennen und so festzustellen, welcher berufiiche Weg der richtige sein könnte.” Manchmal sind nur ein oder zwei Gespräche nötig, um bei einem jungen Arbeitsiosen die Berührungsängste gegenüber dem Arbeitsamt abzubauen und ihn zu motivieren, sein Leben endlich in die Hand zu nehmen. “Mit anderen treffen wir uns vielleicht zehn Mal oder öfter, trinken gemeinsam einen Kaffee, spielen mal eine Runde Darts mit, bevor endlich das Eis bricht und der Jugendliche bereit ist, sich überhaupt helfen zu lassen”, sagt Astrid.

Manches Mal trauen sich die Jugendlichen in Gruppe auch nicht, ihre Probleme offen anzusprechen. Das Info-Blatt vom JobTeam stecken sie dann aber doch in die Tasche – um manchmal Tage später beim Team anzurufen und um einen individuellen Beratungstermin zu bitten. Den gibt’s dann sofort. “Wartezeiten sind bei uns tabu”, sagt Michaela.

Überraschendste Erfahrung für das JobTeam: wie groß eigentlich der Bedarf an Beratung ist. “Von den unzähligeri jungen Leuten, die wir seit September angesprochen haben, benötigen etwa 40 Prozent Hilfe. Und etwa die Hälfte derjenigen, die ihre Null-Bock-Haltung aufgegeben haben, konnten Michaela, Astrid und Benno auch schon in Lehre, Job oder Lehrgang vermitteln. “Wenn es uns gelingt, die Leute zum Nachdenken zu bewegen, ist der Stein oft schon ins Rollen gebracht. Dann entwickeln sie auch einen enormen Elan, ihre Situation zu verändern”, freut sich Michaela darüber, dass die Arbeit Früchte trägt.

Den Erfolg des Projekts – das zunächst bis Ende August vom Arbeitsamt finanziert wird- führt die Sozialpädagogin auf die Arbeitsweise des JobTeams zurück: “Die Jugendlichen wissen, dass wir jederzeit für sie da sind und sie auch wieder auffangen, wenn es beim Arbeitsamt nicht sofort einen Job für sie
gibt oder wenn es Zoff mit dem Ausbilder gibt oder zu Hause mal wieder der Haussegen schief hängt.” Da ist ein Acht-StundenTag oft ein Fremdwort. So manches ‘ Mal stehen die JobTeamer morgens in aller Herrgottsfrühe mit ihren Zöglingen in der Warteschlange der Berufsberatung, und abends treffen sie sich
mit ihnen im Jugendklub oder in einem Cafe, um mit ihnen über ihre Sorgen und Nöte zu sprechen.

Interessierte Jugendliche erreichen das JobTeam unter der Ruf nummer 94 39 90 28 oder auch über den Gangway-Anschlüss 2 83 02 30. [internet: ]

Wer gleich persönlich mit dem Team Kontakt aufnehmen möchte, kann auch einfach im JobTeamBüro in der Friedrich-RichterStraße 8-10 in Buch vorbeischauen. Dort sind Michaela, Astrid und Benno dienstags von 15 bis 18 Uhr sowie donnerstags von 10 bis 13 Uhr anzutreffen.
Also: Traut Euch!

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.