Lieber Unternehmer und Parteimitglied auf dem Sommerfest einer Landesvertretung in Berlin,
lieber Lehrer einer Willkommensklasse in Berlin-Wedding,
liebe Berlin-Besuchergruppe in der S-Bahn,

was ich heute gesehen, gehört und erlebt habe, heißt Rassismus.

Auf dem Sommerfest einer Landesvertretung mit hochrangigen Politiker*innen und Unternehmer*innen insistierte ein anwesender Besucher darauf, dass ich eine „Spritztour“ in seinem Porsche 911 mache, damit ich „auch mal das pure Lebensgefühl erleben“ sollte. Ich wies ihn darauf hin, dass ich Radfahrerin bin und bleibe. Als ich mich meiner Gesprächsgruppe mit dem Thema zuwandte, wie die Weltwirtschaftskrise die Lücken im kapitalistischen System noch sichtbarer werden lassen hat und wie sehr das auch die Soziale Arbeit und deren Adressat*innen betrifft, unterbrach mich der Unternehmer plötzlich mit den Worten: „Sag mal, wo kommst du her?“ Ich sagte „Ich bin Berlinerin, Neuköllnerin“. Er fragte aggressiver: „Deine Wurzeln will ich wissen. Spiel nicht dieses Spiel mit mir“. Ich war sehr erstaunt und fragte ihn, ob er mit meinen Wurzeln eine Gegenargumentation zu meiner Meinung aufbauen wolle. Er setze an: „Wenn du endlich zugeben würdest, dass du aus einem muslimischen Land kommst, dann…“ Ich fragte ihn erneut, ob er tatsächlich mein Gesagtes mit meinen „Wurzeln“ entkräften wolle.

Stille.

Scheinbar beiläufig erzählt mir 7 Stunden nach dem Vorfall in der Landesvertretung mein Mündel in der S-Bahn Richtung Marzahn-Hellersdorf, dass sein Musiklehrer zu Jugendlichen, die eine Willkommensklasse besuchen und gerade Quatsch machten, sagte: „Wenn ihr hier nichts lernen wollt, dann tut mir einen Gefallen und geht in eure Länder zurück“. Er fragte mich, ob ein Lehrer so etwas sagen darf. Nein, darf er nicht.

Stille.

In der Schule fragten wir 1 Stunde später nach, ob es denn wirklich keine Chancen gäbe, dass mein Mündel einen Schulplatz bekommt. Die Antwort lautete: „Es gibt generell kaum Schulplätze, erst recht nicht für Flüchtlinge. Wenden Sie sich an den Senat. Uns sind die Hände gebunden.“

Stille.

30 Minuten später sitzen wir in der S-Bahn zurück zur Friedrichstraße, als ein Schüler einer Berlin-Besucher-Gruppe lauthals darüber redet, wie viele „Ausländer“ in Berlin leben würden und wie froh er ist, dass er wieder nach Hause fahren würde, wo es keine „Ausländer“ gäbe. Er sagte, dass er nicht versteht, wieso Deutschland weiter „Flüchtlinge“ aufnimmt, da „das Boot bereits voll“ sei. Eine ältere Frau saß neben ihnen und zog die Stirn kraus. Mein Mündel war still und schaute aus dem Fenster.

Stille.

Nicht mehr so still:

Danke, H. und C., dass ihr den Porsche-Herrn aus dem Raum zitiert habt und ihm klar gesagt habt, dass es RASSISMUS ist, was da passiert.

Danke der Schule, dass ich eingeladen werde, um den RASSISTISCHEN Vorfall an eurer Schule gemeinsam zu klären.

Danke, unbekannter Jugendlicher in der U-Bahn, dem der Kragen geplatzt ist und der dem RASSISTISCHEN Berlin-Besucher gesagt hat: „Wir sind Multikulti – und wenn dir das nicht passt, dann verpiss dich aus unserer Stadt und nun halt endlich deinen Mund, ich will hier nichts Rassistisches mehr hören“.

Danke, dass es immer wieder Menschen gibt, die Rassismus sehen und sich dagegen auflehnen.

Eine Kollegin von Gangway e.V.

P.S. Ich habe den Brief anonym geschrieben und meine Kollegin Anja Baer gebeten, diesen zu veröffentlichen.

In eigener Sache

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