Definitionen von Abhängigkeit

Man unterscheidet zwischen: Körperlicher Abhängigkeit und Psychischer Abhängigkeit.

Die Begriffe körperliche und psychische Abhängigkeit müssen zum Begriff  Toleranzbildung abgegrenzt werden.

Toleranzbildung
Die Begriffe körperliche und psychische Abhängigkeit müssen zum Begriff Toleranzbildung abgegrenzt werden. Mehr oder weniger ausgeprägte Toleranzen gegenüber bestimmten Stoffen sagen allein wenig über abhängige Strukturen eines Menschen. Tole-ranzbildung meint ausschließlich die Tatsache, daß ein Körper sich an die Zufuhr einer bestimmten Menge einer Substanz gewöhnt hat und diese Menge ihn nach einer gewissen Konsumdauer nicht mehr nachhaltig beeinflussen kann. Das heißt jedoch nicht, daß dieser Dauerkonsum eines bestimmten Stoffes keine negativen Gesundheitsschädi-gungen zur Folge haben kann. So ist etwa ein Mensch, der täglich 20 Zigaretten raucht vom Nikotin nicht mehr benebelt, dennoch schädigt das rauchen natürlich sämtliche Atmungsorgane. Ebenso wird jemand, der täglich ein „Feier-abendbier“ trinkt, bei den ersten Malen noch so etwas wie alkoholbedingte Unsicherheitsgefühle entwickeln. Danach wird sich aufgrund der Toleranzbildung des Körpers dieses Gefühl nicht mehr einstellen. Dennoch schädigt der regelmäßige Alkoholkonsum die Funktion der Leber. Mit einer stetigen Höherdosierung, kann diese Toleranzbildung überlistet werden, so daß die berauschenden Wirkungen des Wirkstoffes Alkohol dann wieder eintreten. Mit Opiaten und vielen Medikamenten funktioniert dies nach dem gleichen Muster. In diesem Verhalten liegt die Gefahr, über kurz oder lang abhängige Strukturen zu entwickeln. Dennoch sind Menschen, die gegenüber bestimmten Stoffen eine große Toleranz ausgebildet haben, nicht automatisch als abhängig — im Sinne der körperlichen und/oder psychischen Abhängigkeit — zu betrachten. Toleranz drückt vielmehr einen bestimmten Grad der Gewöhnung an einen Stoff aus.
Körperliche Abhängigkeit

Die Fragezeichen der Fachleute bezüglich entstehender Abhängigkeiten beziehen sich auf die Herausbildung einer körperlichen Abhängigkeit von bestimmten Stoffen. Die körperliche Abhängigkeit ist die Folge einer Gewöhnung des Körpers an die regelmäßige künstliche Zufuhr einer Wirksubstanz. Der Körper stellt als Reaktion den eigenen Stoffwechsel auf die künstliche Zufuhr ein. Dabei können verschiedene Stoffwechselfunktionen beeinflußt sein:

    1. Die körpereigenen Verarbeitungs-, Ver-dauungs- und Ausscheidungsorgane (Magen-Darm-Trakt, Enzyme, Leber, Lunge etc.) stellen sich auf den regelmäßigen verstärkten Abbau zugeführter Wirksubstanzen ein. Die nötigen Zellen, Bakterien, Flüssigkeiten, Stoffe etc. werden in entsprechender Menge zur Verfügung gestellt, um diesen verstärkten Ausscheidungsbedarf realisieren zu können. Eine Unterbrechung der künstlichen Zufuhr dieser Stoffe hat jedoch keinen unmittelbaren Produktionsstop dieser Abbaustoffe zur Folge, sondern führt dazu, daß der Körper für die jetzt überflüssig gewordenen Abbaustoffe keine Verwendung mehr findet. Folge ist ein Ungleichgewicht im biochemischen Stoffwechsel, mit dem nicht selten typische Entzugssymptome einhergehen.
    2. Der gesunde menschliche Körper produziert eigene Botenstoffe, die Endorphin, Dopamin, Serotonin, Ephedrin etc. heißen. Diese arbeiten als Reizvermittler (Neuro-transmitter) im Gehirn und wirken auf verschiedenste Einflüsse und Reize, denen der Körper ausgesetzt ist. Werden diese Stoffe dem Körper künstlich zugeführt, wird die Produktion dieser körpereigenen Stoffe eingestellt. So wird z.B. durch den regelmäßigen Opiatkonsum die Endorphin-produktion eingestellt und die künstlichen Morphinbestandteile lediglich in Endorphin umgewandelt.
      Wird jetzt die künstliche Zufuhr — dieser vom Körper benötigten Stoffe — eingestellt, muß der Körper eine bestimmte Zeit ohne beziehungsweise mit wesentlich weniger Einheiten dieser Stoffe auskommen, da die körpereigene Produktion nicht unmittelbar wieder im richtigen Maß einsetzt, sondern immer erst mit einer zeitlichen Verzögerung wieder exakt funktioniert. Dieser Umstellungsprozeß dauert bei reinen Heroinkonsumenten etwa 8-14 Tage. Während dieser Zeit leidet die betreffende Person unter körperlichen Ent-zugssymptomen. Bei anderen Stoffen (z.B. Medikamenten) kann die Regeneration wesentlich länger dauern, weil diese im Körper Depots anlegen oder von ihrer biochemischen Struktur her schwerer abbaubar sind.
    3. Schließlich können künstlich zugeführte Wirksubstanzen die Freisetzung oder Ausschüttung verschiedener körpereigener Stoffe enorm verstärken. Dies kann dazu führen, daß es zu Versorgungsengpässen kommt, wenn mehr Stoffe ausgeschüttet werden, als der Körper selbst nachproduzieren kann. Die Depots sind dann nach einer bestimmten Zeit leer, ohne daß sie in gleichem Maße wieder aufgefüllt werden können. Der weitere Konsum der ausschüttungsfördernden Wirkstoffe wird in diesem Fall — außer einem körperlichen Unwohlsein bzw. stoffabhängigen Vergiftungserscheinungen — nichts bewirken, da die körpereigenen Stoffe mangels Masse nicht mehr freigesetzt werden können.
      Die dann einsetzenden Symptome sind keine klassischen körperlichen Entzugserschei-nungen. Jedoch werden einsetzendes Unwohlsein oder einsetzende Depressionen diesen gleichgesetzt und können für die Betroffenen auch ähnlich „harte“ Ausmaße annehmen. Dieser Prozeß wird durch den Ecstasykonsum in Gang gesetzt. Der konsumierte Wirkstoff MDMA führt zu einer verstärkten Serotoninausschüttung aus den entsprechenden Depots. Die Vorräte sind dann schnell aufgebraucht und müssen erst wieder nachproduziert werden, bevor ähnlich große Ausschüttungen mit spürbaren Wirkungen wieder möglich sind.

Psychische Abhängigkeit

Entscheidend ist immer die psychische Abhängigkeit, denn zur Droge wird eine Substanz immer erst dann, wenn sich eine Person dazu in Beziehung setzt und Erfahrungen damit macht. Das Verhältnis zwischen einem Menschen und einer bestimmten Substanz wird immer über die Art der individuellen Erfahrungen vermittelt. Diese sind die Grundlage des Verhältnisses, das der/die Einzelne zu einer bestimmten Substanz entwickelt. Psychotrope Substanzen können dazu benutzt werden, über die Veränderungen psychischer Prozesse (wahrnehmen, denken, fühlen) auch eine Veränderung des eigenen Verhältnisses zur Realität zu erreichen.
So wird mit der Drogenzufuhr nicht nur die Produktion verschiedener „Körpersäfte“ beeinflußt, sondern es werden immer auch psychische Wahrnehmungen und Verarbeitungen zunehmend gestört bzw. „ferngesteuert“. Lustempfinden oder visuelle und akustische Wahrnehmung werden gesteigert oder gedämpft, eigene „Belohnungssysteme“ werden außer Kraft gesetzt und künstlich gesteuert, ganze psychische Gemütszustände werden mittels Suchtstoffzufuhr „reguliert“ oder „normalisiert“. Diese Veränderungen können sich sowohl auf die eigenen (inneren) als auch auf die umgebenden (äußeren) Realitäten beziehen. Das veränderte Verhältnis kann als positiv oder negativ empfunden werden. Das kann z.B. heißen: Als Folge des Konsums eines Suchtmittels nimmt das subjektive Bedürfnis diesen Stoff zu konsumieren — als Konsequenz positiver Wirkungserlebnisse — sukzessive zu.
Der Begriff „Droge“ beschreibt in diesem Zusammenhang nicht einen Stoff, sondern vielmehr ein Verhältnis zwischen dem Individuum und der Realität. Nicht die Droge „macht“ dabei etwas mit dem Menschen, sondern die Menschen benutzen die Wirkungen der Droge aus ganz bestimmten Gründen (Erwartungen).
Problematisch und gefährlich wird dies für die Person selbst und für dessen Umfeld, wenn dies langfristig zur Sicherung subjektiver Lebensinteressen praktiziert wird und der Mensch zunehmend das Gefühl bekommt, seine Lebensinteressen ohne den Konsum dieses Stoffes nicht mehr realisieren zu können. Dieses Verhältnis zu einem Suchtstoff können Menschen bis zu einem gewissen Punkt selbst und immer wieder neu gestalten. Sie sind den Wirkungen der Suchtstoffe oder den Reizen einer Verhaltensweise nicht willenlos ausgeliefert. Menschen, die Drogen konsumieren, sind oder werden nicht „automatisch“ abhängig. Abhängigkeit steht immer erst am Ende einer meist viele Jahre dauernden persönlichen Entwicklung — der Suchtkarriere.

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